Mut zum WandelCrespel & Deiters und globale Ereignisse…

Schuhproduktion bei Salamander um 1910
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts legte man noch großen Wert auf die Qualität der Kleidung. Vor allem, weil man damals nicht so schnell Dinge wegwarf oder austauschte wie heute. Damals behielt man Schuhe, Kleider, Hemden und Hosen lange Zeit. Im Jahr 1920 war Salamander eine beliebte deutsche Qualitätsmarke. Die Schuhe mit dem niedlichen Amphibien-Logo wurden in einer modernen Schuhfabrik in Kornwestheim hergestellt. Sie wurden mit Schuhmacherleim von Crespel & Deiters geklebt. Die Geschichte, wie Crespel & Deiters ins Schuhgeschäft kam, begann bereits im Jahr 1865. Aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen auf dem Rohstoffmarkt – Zölle hatten die Weizenpreise in einigen Regionen in die Höhe getrieben – gewann Crespel & Deiters Stärke sowohl aus Kartoffeln als auch aus Weizen. Doch nicht nur Joseph Deiters bevorzugte das goldene Korn. Aus Weizen gewonnene Stärke ist zudem weitaus vielseitiger einsetzbar. Die Entscheidung fiel zugunsten des Weizens: 1865 stellte Crespel & Deiters seine Stärkeproduktion vollständig auf Weizenstärke um und schwamm damit völlig gegen den allgemeinen Trend zur Kartoffelstärke.
Neue Märkte erschließen

Kunde von Crespel & Deiters Textiles: Mechanische Weberei Gebr. Laurenz
Joseph Deiters’ Strategie ging auf. Mit ihrer hochwertigen Weizenstärke konnte die Unternehmensgruppe nun neue Märkte erschließen und spezialisierte sich auf die Stärkeherstellung für technische Zwecke. Die Textil- und Schuhindustrie wurde auf die Stärkefabrik in Ibbenbüren aufmerksam. Crespel & Deiters begann fortan mit der Entwicklung und Herstellung von Produkten zur Veredelung von Stoffen, auf die sich die verarbeitenden Unternehmen voll und ganz verlassen konnten. Das war besonders wichtig, da Textilfabriken damals hohe Schadensersatzansprüche gegenüber den Veredelungsbetrieben geltend machen konnten, wenn die Stoffe nicht einwandfrei weiterverarbeitet werden konnten. Die hochwertigen Weizenstärkeprodukte von Crespel & Deiters garantierten ein optimales Endergebnis für alle Beteiligten.

Verleimen von Schuhschäften und Hinterlaschen mit Schuhkleber von Crespel & Deiters
Der Schuhmacherleim begann als Nischenprodukt, war jedoch aufgrund seiner hohen Qualität schon bald sehr gefragt. Er wurde aus dem Gluten hergestellt, das bei der Weizenstärkeproduktion anfällt. Für die aufstrebende Schuhindustrie Ende des 19. Jahrhunderts veredelte Crespel & Deiters das Gluten zu ’Wiener Leim’, oder wie die Arbeiter ihn nannten: „Schusterpaste“. Mit diesem Leim diversifizierte das Unternehmen erstmals seine Produktpalette. Neben Weizenstärke verfügte Crespel & Deiters nun über ein weiteres strategisches Produkt mit relativ hoher Wertschöpfung, das nicht nur in den Kerngebieten der deutschen Schuhindustrie, sondern auch in der Schweiz und in Russland stark nachgefragt war.
Den Krieg überleben
Das Jahr 1914 markierte den Beginn einiger schwieriger Jahre für Deutschland. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde er zunächst mit patriotischer Begeisterung begrüßt, doch im Laufe des Krieges zeigte sich das volle Ausmaß der Unvorbereitetheit der deutschen Politik auf den Notstand. Die Lebensmittelversorgung des Landes brach zusammen. Ein dramatischer Einbruch der Produktion deutscher Unternehmen löste Sparmaßnahmen und Notstandsmaßnahmen aus. Auch Crespel & Deiters war davon betroffen. Der durch den Krieg verursachte völlige Mangel an Weizenmehl und die Einberufung der Firmeninhaber an die Front führten dazu, dass der Geschäftsbetrieb für lange Zeit zum Erliegen kam. Während dieser Zeit kümmerte sich das Unternehmen um die Angehörigen seiner an die Front eingezogenen Mitarbeiter. Obwohl die Produktion stillstand, unterstützte Crespel & Deiters die Familien der Mitarbeiter und half vielen von ihnen aus ihrer Notlage.

Die Zwangsbewirtschaftung von Ackerland begann bereits in der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs. Der freie Warenverkehr mit Brotgetreide war bereits im Mai 1915 nicht mehr möglich.

Hugo und Gustav Deiters in Militäruniform.

Auszug aus dem Kassenbuch von Crespel & Deiters aus dem Jahr 1916 mit den Auszahlungen an die Angehörigen der Soldaten.
Doch Crespel & Deiters ließ sich nicht unterkriegen. Das Unternehmen suchte nach alternativen Geschäftsmodellen. Um den Betrieb der Fabriken aufrechtzuerhalten und den heimkehrenden Soldaten Arbeit und den Lebensunterhalt zu sichern, wurde eine breite Palette alternativer Produkte hergestellt. So entstand 1919 die Webwaren-Großhandlung Deiters & Co. Da es keine Rohstoffe für die Produktion gab, konzentrierte sich das Unternehmen auf den Handel mit Bekleidungsstoffen, Druckerzeugnissen, Wäsche und Dekostoffen. Auch nach der Wiederaufnahme der Weizenstärkeproduktion im Jahr 1924 führte die Webwaren-Großhandlung Deiters & Co. ihre Geschäftstätigkeit erfolgreich bis 1967 fort.
Zurück zum Anfang

Mit der Einführung der Rentenmark im Jahr 1923 waren 1.000.000.000.000 Mark nun nur noch 1 Rentenmark wert.
Im Jahr 1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Insgesamt über 8 Millionen Tote und mehr als 21 Millionen Verwundete waren der tragische Preis, den dieser bewaffnete Konflikt forderte. Auch in Ibbenbüren kehrten viele Mitarbeiter von Crespel & Deiters nicht zurück. Deutschland musste rund 14 Prozent seiner Landesfläche abtreten und war zu Reparationszahlungen verpflichtet. Doch das reichte nicht aus, um die Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Die Deutsche Mark war während des Krieges zwar schon nicht viel wert gewesen, doch nun verlor sie vollständig an Wert. Mit der Einführung der Rentenmark im Jahr 1923 waren 1.000.000.000.000 Mark nun nur noch 1 Rentenmark wert. Auch Crespel & Deiters stand vor einer schweren Zeit, erholte sich jedoch langsam und stetig durch die Wiederaufnahme der Weizenstärke-Produktion.
Wer wagt, der gewinnt
“Wer die Veränderungen seiner Zeit annimmt und ihnen mit Mut und Weitsicht begegnet, der wird sein Unternehmen und seine Mitarbeiter sicher durch alle Stürme des Lebens steuern.” Dieses Credo des Gründers von Crespel & Deiters ist auch heute noch aktuell. Über Generationen hinweg hat das Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und mit Weitsicht darauf reagiert. Tatsächlich haben von den 44 Stärkefabriken, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland existierten, nur zwei überlebt – und dank ihres Unternehmergeistes und ihres Mutes produzieren sie noch heute. Eine davon war Crespel & Deiters.

